Die Zukunft der Führung ist nicht künstlich intelligent.

Zwischen Algorithmus, Empathie und radikalem Wandel: So geht Führung zukünftig
Führung wird digitaler. Und gleichzeitig menschlicher. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist die wichtigste Erkenntnis für Leadership im KI-Zeitalter.
Künstliche Intelligenz verändert gerade nicht nur unsere Arbeitsprozesse. Sie verändert, wie Entscheidungen vorbereitet werden, wie Wissen entsteht, wie Teams zusammenarbeiten – und damit auch die Rolle von Führung. Gleichzeitig erwarten Mitarbeitende Orientierung, Vertrauen, Nahbarkeit und eine Führung, die auch dann Sicherheit vermittelt, wenn sie selbst nicht auf jede Frage eine Antwort haben kann.
Das macht Führung nicht einfacher. Im Gegenteil.
Führungskräfte bewegen sich heute zwischen technologischer Beschleunigung und menschlicher Bindung, zwischen dem Wunsch nach Stabilität und der Notwendigkeit permanenter Veränderung. Hinzu kommen Fachkräftemangel, geopolitische Unsicherheiten, wirtschaftlicher Druck und Organisationsstrukturen, die vielerorts noch aus einer Arbeitswelt stammen, die es so längst nicht mehr gibt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Welche einzelne Kompetenz braucht eine gute Führungskraft?
Sie lautet vielmehr: Welche Anforderungen muss Führung gleichzeitig bewältigen können, um in dieser neuen Arbeitswelt wirksam zu bleiben?
Genau dieser Frage sind wir als Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ) und die frankfurter akademie für neue arbeitskultur und neue führung in ihrem neuen Studienbericht „Führung neu denken: Zwischen Algorithmus, Empathie und radikalem Wandel“ nachgegangen.
Dafür wurden 52 deutsch- und englischsprachige Studien, Umfragen und Expertenberichte aus den Jahren 2020 bis 2025 ausgewertet. Ziel war nicht, dem ohnehin schon großen Markt ein weiteres Kompetenzmodell hinzuzufügen. Vielmehr ging es darum, die Vielzahl der diskutierten Anforderungen zu bündeln und sichtbar zu machen, welche Themen im aktuellen Führungsdiskurs tatsächlich immer wieder auftauchen.
Und dabei zeigt sich ein durchaus ermutigendes, aber keineswegs beruhigendes Bild.
Führungskräfte können bereits viel – aber das reicht nicht
Wer über die Zukunft von Führung spricht, erweckt schnell den Eindruck, Führungskräfte müssten sich komplett neu erfinden. Unsere Analyse zeigt etwas anderes.
Viele Führungskräfte haben in den vergangenen Jahren digitale Grundkompetenzen aufgebaut. Kollaborationstools, virtuelle Zusammenarbeit und Führung auf Distanz sind vielerorts selbstverständlich geworden. Auch Resilienz, emotionale Stabilität, Verantwortungsbewusstsein, analytische Fähigkeiten und fachliche Tiefe gehören zu ihren anerkannten Stärken. Und in der Beziehung zu ihren Mitarbeitenden werden viele Führungskräfte durchaus als nahbar, authentisch und wertschätzend erlebt.
Nicht unwichtig, denn Transformation beginnt nicht auf einer grünen Wiese.
Umso interessanter gestalten sich die blinden Flecke der meisten Führungskräfte. Denn ausgerechnet bei einigen Anforderungen, die für Führung künftig besonders relevant werden, klaffen Anspruch und wahrgenommene Realität auseinander.
Mitarbeitende erleben Empathie und ein wirklich offenes Ohr für ihre Sorgen seltener, als es der Führungsanspruch vermuten lässt, außerdem werden individuelle Stärken und Entwicklungsbedarfe nicht ausreichend erkannt. Obwohl Vertrauen inzwischen nahezu zum Standardvokabular moderner Führung gehört, prägen in der Praxis vielerorts weiterhin Command-and-Control-Mechanismen das Führungsverhalten.
Auch visionäres Denken und strategische Inspirationskraft werden kritischer eingeschätzt. Und beim souveränen Einsatz von KI und neuen digitalen Technologien besteht zunehmend Entwicklungsbedarf.
Wir stellen fest: Führungskräfte beurteilen ihre eigene Wirkung häufig positiver, als ihre Mitarbeitenden sie erleben.
Das ist mehr als eine interessante Randnotiz, denn Führung entsteht niemals allein aus der Absicht einer Führungskraft. Führung entsteht in der Wirkung auf andere Menschen.
Wir können uns für offen halten, ohne dass andere uns als offen erleben. Wir können davon überzeugt sein, viel Vertrauen zu geben, während Mitarbeitende gleichzeitig Kontrolle wahrnehmen. Und wir können glauben, Orientierung zu schaffen, obwohl unser Team vor allem viele Informationen bekommt.
Der Unterschied zwischen „Ich tue es“ und „Es kommt an“ ist entscheidend im Zeitalter der großen Herausforderungen für die moderne Führung.
Sechs Anforderungen – aber keine sechs getrennten Schubladen
Aus den untersuchten Quellen kristallisieren sich sechs zentrale Anforderungscluster heraus: Wandel gestalten, nah am Menschen bleiben, Technologie souverän nutzen, Zukunft und Strategie im Blick behalten, Zusammenarbeit ermöglichen und wirksam kommunizieren.
Dabei wäre es ein Fehler, diese Themen als sechs voneinander getrennte Kompetenzfelder zu betrachten.
Die Führungskraft der Zukunft wird nicht montags empathisch sein, dienstags agil und mittwochs digital kompetent. Es stellt sich die Frage: Wie die Führungskraft diese Anforderungen situationsabhängig miteinander verbindet?!
Eine Führungskraft muss beispielsweise technologische Möglichkeiten verstehen und gleichzeitig erkennen, welche Entscheidung sie gerade nicht an eine KI delegieren sollte. Sie muss Veränderung vorantreiben und dennoch spüren, wann ein Team Orientierung und Stabilität braucht. Sie muss Autonomie ermöglichen und gleichzeitig Klarheit über Erwartungen schaffen.
Die Qualität modernster Führung besteht nicht im Besitz möglichst vieler Kompetenzen, sondern in der Fähigkeit, auf die richtige Anforderung im richtigen Moment und in der richtigen Dosierung wirksam zu reagieren.
Je stärker KI wird, desto wichtiger wird das genuin Menschliche
Daher richten wir den Blick doch mal auf zwei vermeintliche Gegenpole der Untersuchung:
Wir erkennen einerseits die erforderliche Digital- und KI-Kompetenz. Digitalkompetenz gehört inzwischen zur Grundausstattung von Führung. KI-Kompetenz kommt als neue, dringliche Erweiterung hinzu. Nach wie vor müssen Führungskräfte keine Programmierer werden, sie sollten jedoch Möglichkeiten, Grenzen und Risiken von KI einschätzen können, ihren sinnvollen Einsatz gestalten und Verantwortung für die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine übernehmen können. Das Prinzip Human in the Loop – also die bewusste Sicherung menschlicher Urteilskraft und Verantwortung – bekommt damit eine besondere Bedeutung.
Andererseits ist der Bedarf nach Empathie, emotionale Intelligenz und Vertrauen größer denn je.
Dennoch bezeichnen wir diese beiden Pole nicht als Widerspruch, sondern:
Je leistungsfähiger Technologie wird, desto sichtbarer wird das, was Führung nicht technologisieren kann.
Menschen brauchen jemanden, der wahrnimmt, wenn Unsicherheit wächst, der widersprüchliche Situationen einordnet und auch Verantwortung übernimmt. Jemand, der zwischen Menschen im Konfliktfall vermittelt. Und jemand, der die Entwicklung ermöglicht, Vertrauen schenkt und zugleich Grenzen setzt.
Unsere Untersuchung beschreibt Empathie und emotionale Intelligenz deshalb ausdrücklich auch als menschliches Alleinstellungsmerkmal gegenüber KI. Emotionale Unterstützung, individuelles Coaching und ethisches Urteilsvermögen bleiben genuin menschliche Aufgaben.
Es geht also nicht darum Technologiekompetenz und Menschlichkeit gegeneinander auszuspielen, sondern intelligent zu verbinden. Fazit: Die Führungskraft von morgen braucht beides.
Kommunikation wird zur Infrastruktur von Führung
Eine weitere Erkenntnis unseres Studienberichts finde ich großartig, aber auch logisch: Kommunikation ist nicht nur einfach ein weiteres Cluster neben den anderen, die bildet den verbindende Faden.
Strategisch übersetzt Kommunikation Vision und Strategie in Orientierung. Zwischenmenschlich schafft sie Vertrauen und Beziehung. Operativ zeigt sie sich in Feedback, Klarheit, Ansprechbarkeit, dem Umgang mit Fehlern und der bewussten Wahl geeigneter Kommunikationskanäle.
Damit wird Kommunikationsfähigkeit zu einer Querschnittsanforderung, die alle anderen Anforderungen erst in Wirkung bringt. Denn was nutzt die beste Strategie, wenn niemand versteht, was sie für die eigene Arbeit bedeutet? Was nutzt Vertrauen als Führungsprinzip, wenn Mitarbeitende es im Alltag nicht erleben?
Und was nutzt eine technologische Vision, wenn Führung nicht erklären kann, welche Rolle der Mensch darin künftig spielen soll?
Somit erklärt sich eine der am stärksten unterschätzten Führungsaufgaben der nächsten Jahre, Komplexität nicht einfach weiterzugeben, sondern sie für Menschen einordbar zu machen.
Was heißt das nun konkret? Sechs Empfehlungen an Führungskräfte
Aus den Ergebnissen haben wir sechs Empfehlungen abgeleitet. Sie verstehen sich bewusst nicht als weitere Checkliste, die Führungskräfte abarbeiten sollen, sondern als Reflexionsrahmen für die eigene Führungsarbeit.
Mache den Wandel zu deiner Stärke.
Mache Empathie zu deiner Führungshaltung.
Mache KI zu deinem Partner.
Mache die Zukunft greifbar.
Mache das Wir stärker als das Ich.
Mache deinen blinden Fleck sichtbar: „Woran merke ich, wie meine Führung bei anderen ankommt?“
Die Zukunft der Führung ist nicht künstlich intelligent
Wir werden eine technologischere Arbeitswelt bekommen. KI wird leistungsfähiger werden, mehr Entscheidungen vorbereiten, Wissen schneller verfügbar machen und Tätigkeiten übernehmen, die heute noch selbstverständlich von Menschen erledigt werden.
Aber daraus folgt nicht, dass Führung ebenfalls immer technischer werden muss, ganz im Gegenteil.
Je mehr Technologie leisten kann, desto klarer muss Führung beantworten, was der Mensch leisten soll – und was nur der Mensch leisten kann.
Orientierung geben, wenn es keine eindeutige Antwort gibt, aber auch Vertrauen schaffen, wenn Unsicherheit wächst. Dazu gehört auch Widerstand aushalten, Beziehungen gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Wir brauchen inspirierende Führungskräfte, die Zukunft denkbar machen und Menschen dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten in einer Welt einzusetzen, die sich immer schneller verändert.
Führung ist menschlich intelligent – und technologisch souverän.
Insofern dürfen wir nicht zwischen Algorithmus und Empathie wählen, sondern beides so miteinander zu verbinden, dass daraus bessere Entscheidungen, stärkere Zusammenarbeit und eine Führung entsteht, der Menschen auch im radikalen Wandel folgen wollen.
Hier geht es zum kompletten Studienbericht: Zwischen Algorithmus, Empathie und radikalem Wandel
Über die Autorin Barbara Liebermeister
Barbara Liebermeister ist Gründerin und Leiterin des IFIDZ – Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Als Managementberaterin, Coach und Vortragsrednerin verbindet sie Wirtschaftserfahrung mit wissenschaftlichem Tiefgang und hat mit dem Begriff Alpha Intelligence® ein Konzept geprägt, das die entscheidenden Fähigkeiten moderner Führungskräfte auf den Punkt bringt.
Mit langjähriger Praxis in Führungspositionen und als Coach für Top-Entscheider begleitet sie seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen aller Größenordnungen auf dem Weg zu zeitgemäßer Führung – praxisnah, strategisch und wirksam. Die Erkenntnisse aus ihrer Arbeit flossen in mehrere Bücher zu den Themen Selbst-Führung, Networking und Leadership in der digitalen Welt ein.
Barbara Liebermeister ist Lehrbeauftragte an der RWTH Aachen, der Hochschule Kempten u.v.a. und zudem Mentorin an hessischen Universitäten. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert, einen Master in Neurowissenschaften sowie Ausbildungen als Business-, Management- und Sport-Mentalcoach absolviert.
Ausgezeichnete Arbeit: Für ihre Pionierarbeit wurde sie 2017 für den #digitalfemaleleader Award nominiert. 2018 wurde das von ihrem Institut entwickelte Analyse-Tool LEADT, das die digitale Führungsreife misst, mit dem renommierten Wolfgang-Heilmann-Preis auf der Learntec ausgezeichnet.


