Empathie mit Rückgrat: Warum gute Führung Nähe und Grenzen braucht

19.07.2026

19.07.2026

19.07.2026

Frau hört im Think Tank anderer Frau zu

Empathie gehört zu jenen Begriffen, denen heute kaum eine Führungskraft offen widersprechen würde. Natürlich sei Empathie wichtig, heißt es dann. Gerade in schwierigen Zeiten, wenn Menschen verunsichert sind. Und selbstverständlich verstehe man sich selbst als empathische Führungskraft.

Nur besteht zwischen dem eigenen Anspruch und der Wahrnehmung der Mitarbeitenden häufig eine erhebliche Lücke.

Eine US-amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2024 zeigt das sehr deutlich: 55 Prozent der befragten CEOs waren überzeugt, empathisch zu führen. Nur 28 Prozent der Beschäftigten und 22 Prozent der HR-Verantwortlichen teilten diese Einschätzung. Empathie ist offenbar reichlich vorhanden – allerdings häufig nur in der eigenen Wahrnehmung. Der State of Workplace Empathy Report bringt diese Diskrepanz eindrücklich auf den Punkt.

Auch die aktuelle August-Ausgabe 2026 des Harvard Business Managers greift dieses Spannungsfeld auf. Besonders interessant finde ich dabei die Idee eines gemeinsamen „Empathieprotokolls“. Denn sie führt weg von der gut gemeinten Haltung und hin zu einer entscheidenden Frage: Wo können wir Empathie im Führungsalltag tatsächlich erkennen?


Empathie ist mehr als Mitgefühl

Empathie in der Führung bedeutet nicht, alle Gefühle eines anderen Menschen selbst nachzuempfinden. Führungskräfte müssen auch nicht zu Therapeutinnen oder Therapeuten ihrer Mitarbeitenden werden. Und Empathie bedeutet erst recht nicht, Konflikten auszuweichen, Anforderungen zurückzunehmen oder es möglichst allen recht zu machen.

Empathisch zu führen heißt zunächst, sich ernsthaft darum zu bemühen, die Wirklichkeit des Gegenübers zu verstehen, bevor man urteilt, entscheidet oder handelt.

Dazu gehört, genau hinzuhören, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und die Bedürfnisse eines einzelnen Menschen ebenso wahrzunehmen wie die Interessen des gesamten Teams. Empathie ist damit nicht nur emotionale Zuwendung. Sie ist auch eine Form der Informationsgewinnung: Wer versteht, was Menschen beschäftigt, welche Erfahrungen ihre Sichtweise prägen und was sie gerade benötigen, kann bessere Entscheidungen treffen.

Eine im Harvard Business Manager beschriebene Technologieorganisation bezeichnet Empathie deshalb als „intellektuelle Großzügigkeit“. Gemeint ist die Bereitschaft, der Perspektive eines anderen Menschen echten Raum zu geben und die eigenen Annahmen durch Widerspruch und Debatte infrage stellen zu lassen. Ziel ist nicht Harmonie um jeden Preis, sondern technische Exzellenz durch unterschiedliche Sichtweisen.

Das erscheint zunächst ungewöhnlich – und trifft dennoch einen wichtigen Punkt: Empathie kann freundlich sein, sie muss aber nicht immer bequem sein. Auch ein respektvoller Widerspruch kann empathisch sein. Entscheidend ist, ob er dem gemeinsamen Ergebnis dient und die Würde des anderen wahrt.


Was ein Empathieprotokoll leisten kann

Ein Empathieprotokoll ist kein Gesprächsleitfaden, der Führungskräften passende Formulierungen vorgibt. Es ist vielmehr eine gemeinsame Vereinbarung darüber, was Empathie im eigenen Unternehmen oder Team bedeutet und wie sie sich im Alltag zeigen soll.

Dazu sollten vier Fragen geklärt werden:

  1. Was verstehen wir unter Empathie?
    Geht es um ehrliches Interesse, Perspektivwechsel, aufmerksames Zuhören, respektvollen Widerspruch – oder um eine Kombination daraus? Je klarer die gemeinsame Definition, desto geringer ist die Gefahr, dass jeder etwas anderes darunter versteht.

  2. An welchem Verhalten wird Empathie sichtbar?
    Beispielsweise daran, dass Menschen ausreden dürfen, Fragen gestellt werden, bevor Lösungen präsentiert werden, oder schwierige Wahrheiten offen ausgesprochen werden können, ohne jemanden bloßzustellen.

  3. Wie verbinden wir Empathie mit Leistung und Verantwortung?
    Individuelle Belastungen sollen berücksichtigt werden. Gleichzeitig darf das Team nicht dauerhaft die Folgen tragen. Empathie ersetzt keine Verbindlichkeit. Sie hilft vielmehr dabei, tragfähige und faire Lösungen zu finden.

  4. Wozu verpflichten wir uns gegenseitig?
    Was dürfen Mitarbeitende von ihrer Führungskraft erwarten? Was darf die Führungskraft vom Team erwarten? Und woran erkennen beide Seiten, dass der vereinbarte Anspruch tatsächlich gelebt wird?

Auf diese Weise wird aus einem abstrakten Wert ein beobachtbares Verhalten. Empathie bleibt nicht länger etwas, das eine Führungskraft über sich selbst behauptet. Sie wird zu etwas, das andere erleben können.


Wirklich zuhören – ohne sofort selbst die Bühne zu betreten

Viele Führungskräfte wollen Nähe herstellen, indem sie von eigenen Erfahrungen erzählen: „Das kenne ich. Mir ist einmal etwas Ähnliches passiert.“ Das ist meist gut gemeint. Doch plötzlich dreht sich das Gespräch nicht mehr um den Menschen, der Unterstützung gesucht hat, sondern um die Führungskraft.

Empathisches Zuhören verlangt etwas anderes: den Raum zu öffnen, ohne ihn sofort selbst zu füllen.

Dazu braucht es keine ausgefeilte Technik. Oft genügen einige ehrliche Fragen:

  • Wie erlebst du die Situation?

  • Was belastet dich daran besonders?

  • Was funktioniert momentan – und was nicht?

  • Was brauchst du jetzt von mir?

  • Möchtest du eine Lösung entwickeln oder soll ich zunächst einfach zuhören?

Gerade die letzte Frage kann viel verändern. Denn nicht jeder Mensch, der ein Problem schildert, erwartet sofort einen Ratschlag. Manchmal besteht die wichtigste Unterstützung darin, dass jemand anwesend bleibt, zuhört und das Erleben des anderen nicht vorschnell relativiert.

Unterstützen, ohne das Problem zu übernehmen

Empathische Führung verführt leicht zum Rettermodus. Die Führungskraft hört ein Problem, fühlt sich verantwortlich und beginnt sofort, Lösungen zu organisieren. Damit nimmt sie dem anderen jedoch möglicherweise genau jene Selbstverantwortung, die Führung eigentlich fördern soll.

Hilfreicher sind vier nüchterne Fragen:

  • Was ist tatsächlich passiert?

  • Welche Unterstützung wird benötigt?

  • Wer kann diese Unterstützung sinnvoll leisten?

  • Welche Rolle habe ich dabei?

Empathisch zu führen bedeutet nicht zwangsläufig, die Unterstützung selbst zu leisten. Es kann ebenso bedeuten, den Zugang zu einer passenden Unterstützung zu ermöglichen.

Dabei bleibt der Blick auf das Ganze wichtig. Eine individuelle Entlastung kann richtig sein. Sie darf aber nicht unbemerkt zur dauerhaften Überlastung anderer Teammitglieder führen. Gute Führung hält deshalb die Bedürfnisse des Einzelnen und die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft im Gleichgewicht.


Empathie braucht Grenzen

Eine empathische Führungskraft muss nicht ständig erreichbar sein. Wer jede Stimmung aufnimmt, jederzeit ansprechbar ist und jedes Problem zur eigenen Angelegenheit macht, erschöpft sich irgendwann selbst. Aus Empathie wird dann Überforderung – und aus der zugewandten Führungskraft ein Mensch, der sich innerlich zurückzieht.

Gesunde Grenzen sind deshalb kein Widerspruch zu Empathie. Sie machen nachhaltige Empathie überhaupt erst möglich.

Feste Zeiten für konzentriertes Arbeiten, klare Regeln zur Erreichbarkeit und bewusst geschützte Pausen sind keine Zeichen mangelnder Zugewandtheit. Im Gegenteil: Eine Führungskraft, die ihre eigenen Bedürfnisse ernst nimmt, zeigt auch ihren Mitarbeitenden, dass Selbstfürsorge und Leistungsfähigkeit zusammengehören.

Drei Fragen helfen bei der persönlichen Klärung:

  • Welche Grenzen brauche ich aktuell, um wirksam führen zu können?

  • Warum sind mir diese Grenzen wichtig?

  • Wie muss ich sie kommunizieren, damit andere sie verstehen und respektieren können?

Nahbarkeit bedeutet nicht permanente Verfügbarkeit.


Auch die richtigen Worte gehören dazu

Empathie zeigt sich schließlich in der Sprache. Sätze wie „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“, „Das wird schon wieder“ oder „Wenigstens ist …“ sollen häufig trösten. Sie können das Erleben des anderen jedoch ungewollt kleinreden.

Besser sind Formulierungen, die anerkennen, ohne vorzugeben, alles zu verstehen:

  • „Ich höre, wie sehr dich das beschäftigt.“

  • „Das klingt nach einer wirklich schwierigen Situation.“

  • „Ich möchte deine Perspektive besser verstehen.“

Solche Sätze lösen das Problem nicht sofort. Aber sie schaffen Verbindung – und oft ist genau diese Verbindung die Voraussetzung dafür, gemeinsam eine gute Lösung zu finden.

Das Protokoll darf nicht zum Schauspiel werden

So hilfreich die Idee eines Empathieprotokolls ist, sie birgt auch eine Gefahr: Empathie lässt sich nicht vollständig standardisieren. Wenn Führungskräfte lediglich gelernte Fragen abarbeiten oder die passenden Sätze aufsagen, spüren Menschen sehr schnell, dass ihnen keine echte Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Ein Empathieprotokoll sollte deshalb ein Orientierungsrahmen sein, kein Drehbuch. Es kann Verhalten klären und gegenseitige Erwartungen sichtbar machen. Die Qualität der Begegnung entsteht jedoch weiterhin durch Präsenz, ehrliche Neugier und die Bereitschaft, sich von der Sichtweise eines anderen Menschen tatsächlich berühren oder auch irritieren zu lassen.

Empathie ist kein Nettigkeitsprogramm. Sie verlangt Offenheit – und manchmal Mut. Den Mut, zuzuhören, obwohl man die Antwort noch nicht kennt. Den Mut, eine andere Perspektive gelten zu lassen. Den Mut, klar zu widersprechen. Und ebenso den Mut, die eigenen Grenzen zu schützen.

Gerade in Krisen brauchen Menschen beides: eine Führungskraft, die wahrnimmt, was mit ihnen geschieht – und eine Führungskraft, die Orientierung gibt. Wirkliche Empathie verbindet Menschlichkeit mit Klarheit. Genau darin liegt ihre Führungsstärke.

 

Über die Autorin Barbara Liebermeister

Barbara Liebermeister ist Gründerin und Leiterin des IFIDZ – Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Als Managementberaterin, Coach und Vortragsrednerin verbindet sie Wirtschaftserfahrung mit wissenschaftlichem Tiefgang und hat mit dem Begriff Alpha Intelligence® ein Konzept geprägt, das die entscheidenden Fähigkeiten moderner Führungskräfte auf den Punkt bringt.

Mit langjähriger Praxis in Führungspositionen und als Coach für Top-Entscheider begleitet sie seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen aller Größenordnungen auf dem Weg zu zeitgemäßer Führung – praxisnah, strategisch und wirksam. Die Erkenntnisse aus ihrer Arbeit flossen in mehrere Bücher zu den Themen Selbst-Führung, Networking und Leadership in der digitalen Welt ein.

Barbara Liebermeister ist Lehrbeauftragte an der RWTH Aachen, der Hochschule Kempten u.v.a. und zudem Mentorin an hessischen Universitäten. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert, einen Master in Neurowissenschaften sowie Ausbildungen als Business-, Management- und Sport-Mentalcoach absolviert.

Ausgezeichnete Arbeit: Für ihre Pionierarbeit wurde sie 2017 für den #digitalfemaleleader Award nominiert. 2018 wurde das von ihrem Institut entwickelte Analyse-Tool LEADT, das die digitale Führungsreife misst, mit dem renommierten Wolfgang-Heilmann-Preis auf der Learntec ausgezeichnet.

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