Gute Entscheidungen entstehen nicht durch Zufall

Führungskräfte treffen heute mehr Entscheidungen als je zuvor. Gleichzeitig stehen ihnen mehr Informationen zur Verfügung – und mit Künstlicher Intelligenz ein Werkzeug, das innerhalb weniger Sekunden Analysen erstellt, Alternativen entwickelt und Handlungsempfehlungen formuliert.
Das klingt zunächst nach einer enormen Erleichterung. Doch genau darin liegt auch eine Gefahr: Denn nicht jede schnelle Antwort führt automatisch zu einer guten Entscheidung. Daten ersetzen keine Erfahrung. Algorithmen ersetzen keine Verantwortung. Und KI kennt weder die Kultur eines Unternehmens noch die Dynamik eines Teams.
Also: 'Hand aufs Herz:' Wie tragfähig sind eure Entscheidungen?
Decision Quality – ein alter Gedanke mit neuer Aktualität
Der Begriff Decision Quality ist keineswegs neu. Er beschreibt die Qualität einer Entscheidung nicht anhand ihres späteren Ergebnisses, sondern anhand des Entscheidungsprozesses selbst.
Denn auch eine sorgfältig vorbereitete Entscheidung kann durch äußere Einflüsse scheitern. Umgekehrt kann eine schlechte Entscheidung durchaus erfolgreich erscheinen – einfach, weil die Rahmenbedingungen günstig waren.
Entscheidend ist deshalb nicht nur was entschieden wird, sondern wie eine Entscheidung zustande kommt.
Wurden unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt? Waren die Informationen belastbar? Gab es echte Alternativen? Wurden Chancen und Risiken offen diskutiert? Und stehen die Beteiligten anschließend hinter der Entscheidung?
Warum das Thema gerade jetzt an Bedeutung gewinnt
Die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen heute handeln müssen, nimmt kontinuierlich zu. Gleichzeitig werden Entscheidungen komplexer. Märkte verändern sich, Technologien entwickeln sich rasant, Teams arbeiten hybrid und KI verändert nahezu jede Form von Wissensarbeit.
Dadurch entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits steigt der Druck, schnell zu entscheiden. Andererseits wächst die Gefahr, wichtige Aspekte zu übersehen.
KI kann dabei eine enorme Unterstützung sein. Sie erkennt Muster, verarbeitet große Datenmengen und hilft dabei, Optionen sichtbar zu machen. Was sie jedoch nicht leisten kann, ist menschliches Urteilsvermögen zu ersetzen.
Werte, Erfahrung, Verantwortung oder die politischen und kulturellen Auswirkungen einer Entscheidung bleiben Aufgabe von Führungskräften.
Entscheidungsqualität braucht unterschiedliche Perspektiven
Deshalb setzen viele Unternehmen inzwischen bewusst auf Entscheidungsarchitekturen, die blinde Flecken reduzieren. Bei wichtigen strategischen Themen werden unterschiedliche Fachbereiche oder Stakeholder frühzeitig eingebunden. Ziel ist nicht, Entscheidungen unnötig zu verzögern, sondern ihre Tragfähigkeit zu erhöhen.
Diese Formate dienen dazu, wichtige Entscheidungen vor ihrer Umsetzung noch einmal aus unterschiedlichen Perspektiven reflektieren zu lassen, den sogenannten Decision Boards.
Dahinter verbirgt sich kein weiteres Gremium, das Entscheidungen ausbremst, sondern ein bewusst zusammengesetzter Kreis von Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Verantwortlichkeiten. Bevor weitreichende Entscheidungen umgesetzt werden, hinterfragen sie Annahmen, beleuchten mögliche Risiken und prüfen, welche Auswirkungen eine Entscheidung auf Kunden, Mitarbeitende, Prozesse oder die Unternehmenskultur haben könnte.
Dieser Perspektivwechsel bestätigt, wie grundlegend Führung sich heute schon verändert hat. Gute Führung bedeutet heute nicht mehr, jede Antwort selbst zu kennen. Sie bedeutet, die richtigen Fragen zu stellen, unterschiedliche Sichtweisen bewusst einzubeziehen und auch den Mut zu haben, die eigene Einschätzung hinterfragen zu lassen.
Führung aktuell braucht mehr Urteilskraft denn je
Mit jeder neuen technologischen Entwicklung steigt der Wert menschlicher Urteilskraft. Deshalb wird Entscheidungsqualität zu einer wichtigen Facette moderner Führung. Sie entscheidet darüber, ob Unternehmen auch unter Unsicherheit handlungsfähig bleiben und Veränderungen erfolgreich gestalten können.
Stellt euch nicht die Frage: „Welche Entscheidung treffen wir?"
Sondern eher:
„Wie stellen wir sicher, dass diese Entscheidung wirklich tragfähig ist?"
Über die Autorin Barbara Liebermeister
Barbara Liebermeister ist Gründerin und Leiterin des IFIDZ – Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Als Managementberaterin, Coach und Vortragsrednerin verbindet sie Wirtschaftserfahrung mit wissenschaftlichem Tiefgang und hat mit dem Begriff Alpha Intelligence® ein Konzept geprägt, das die entscheidenden Fähigkeiten moderner Führungskräfte auf den Punkt bringt.
Mit langjähriger Praxis in Führungspositionen und als Coach für Top-Entscheider begleitet sie seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen aller Größenordnungen auf dem Weg zu zeitgemäßer Führung – praxisnah, strategisch und wirksam. Die Erkenntnisse aus ihrer Arbeit flossen in mehrere Bücher zu den Themen Selbst-Führung, Networking und Leadership in der digitalen Welt ein.
Barbara Liebermeister ist Lehrbeauftragte an der RWTH Aachen, der Hochschule Kempten u.v.a. und zudem Mentorin an hessischen Universitäten. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert, einen Master in Neurowissenschaften sowie Ausbildungen als Business-, Management- und Sport-Mentalcoach absolviert.
Ausgezeichnete Arbeit: Für ihre Pionierarbeit wurde sie 2017 für den #digitalfemaleleader Award nominiert. 2018 wurde das von ihrem Institut entwickelte Analyse-Tool LEADT, das die digitale Führungsreife misst, mit dem renommierten Wolfgang-Heilmann-Preis auf der Learntec ausgezeichnet.


