Menschen stärken und Leistung ermöglichen.
Das Deutsches Ärzteblatt veröffentlicht im laufenden Jahr mehrere Fachbeiträge von mir. Der erste ist erschienen – und er greift ein Thema auf, das mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Nicht nur im Klinikalltag, sondern überall dort, wo Menschen führen und Verantwortung tragen: den bewussten Blick auf die Stärken von Mitarbeitenden.
Ich durfte dieses Thema nicht nur schriftlich vertiefen, sondern auch bereits mehrfach im Ärzteblatt-Podcast Bis der Arzt kommt diskutieren. Die Gespräche zeigen sehr deutlich, wie sehr Führung im Gesundheitswesen – und darüber hinaus – unter Druck steht. Und wie groß gleichzeitig der Hebel ist, wenn wir anfangen, Menschen nicht primär über Defizite, sondern über ihre Fähigkeiten zu führen.
Was für Ärztinnen, Ärzte und interdisziplinäre Teams gilt, gilt längst auch in anderen Branchen: Moderne Führung entsteht dort, wo Menschen gesehen werden – nicht aus Nettigkeit, sondern weil genau das Leistung ermöglicht.
Fokus auf Schwächen führt selten zu Spitzenleistung
Viele Führungskräfte können die Schwächen ihrer Mitarbeitenden sofort benennen. Die Stärken hingegen bleiben oft unausgesprochen – weil sie als selbstverständlich gelten. In Mitarbeitergesprächen geht es dann schnell um Korrekturen, Erwartungen und Abweichungen vom Idealbild.
Das spüren die Mitarbeitenden. Und sie gehen mit einem mulmigen Gefühl in Gespräche, die eigentlich Entwicklung ermöglichen sollten.
Was dabei häufig unterschätzt wird: Wer dauerhaft versucht, Schwächen auszumerzen, bleibt im Mittelfeld und erreicht selten Spitzenleistung. Exzellenz entsteht dort, wo Menschen ihre Energie auf das richten können, was sie wirklich gut können – und wo Führung genau dafür den Raum schafft.
Stärkenorientierte Führung im Klinikalltag – und darüber hinaus
Nicht nur im Klinikalltag zeigt sich, wie entscheidend es ist, unterschiedliche Stärken bewusst wahrzunehmen und gezielt einzusetzen. Hoher Zeitdruck, komplexe Entscheidungen und enge Abhängigkeiten verlangen nicht nach möglichst „gleichförmigen“ Mitarbeitenden, sondern nach komplementären Fähigkeiten im Team.
Ein Beispiel:
Ein Oberarzt, der auch in kritischen Situationen ruhig bleibt, komplexe Sachverhalte ordnet und durch klare Kommunikation Sicherheit schafft. Seine Stärke liegt weniger in administrativer Effizienz als in Orientierung und Koordination. Wird er gezielt in interdisziplinäre Fallbesprechungen und Übergaben eingebunden, profitieren alle: weniger Reibungsverluste, mehr Klarheit, spürbare Entlastung im Team.
Oder eine Assistenzärztin mit hoher analytischer Tiefe, die bei Standardabläufen mehr Zeit benötigt, dafür aber in komplexen Fällen diagnostisch überzeugt. Statt diese Arbeitsweise als Defizit zu bewerten, wird ihre Stärke genutzt – etwa in Fallanalysen oder Qualitätszirkeln. Die Qualität steigt. Und mit ihr die Lernkultur im Team.
Diese Logik endet nicht an der Kliniktür.
Sie gilt ebenso für Unternehmen, Verwaltungen, Projektteams und Führungsgremien. Weil Menschen genau das brauchen – Wertschätzung und Fokus auf die Stärken. So entstehen im Laufe der Zeit auch heterogene Teams mit unterschiedlichsten Charakteren und Fähigkeiten.
Moderne Führung heute - Mensch im Fokus – aus gutem Grund
Die Zeit, in der wir leben, erhöht nicht die Planbarkeit, sondern die Komplexität. Verantwortungsvolle Führung bedeutet deshalb weniger Kontrolle und mehr kluge Nutzung von Potenzialen. Wer Mitarbeitende gemäß ihrer Stärken einsetzt, kann Verantwortung abgeben, muss weniger nachsteuern und schafft echte Wirksamkeit. Dafür muss ich mich als Führungskraft aber auch auf die Stärken und nicht die Schwächen konzentrieren.
Dennoch heißt stärkenorientierte Führung nicht, Schwächen zu ignorieren.
Sie heißt, den Fokus bewusst zu verschieben: auf das, was Menschen können – und auf Rahmenbedingungen, in denen genau das zur Wirkung kommt.
Der vollständige Fachartikel „Stärkenorientierte Führung im Klinikalltag“ ist im Deutschen Ärzteblatt; Dezemberausgabe 2025 erschienen und bildet die Grundlage dieses Beitrags.
Über die Autorin Barbara Liebermeister
Barbara Liebermeister ist Gründerin und Leiterin des IFIDZ – Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Als Managementberaterin, Coach und Vortragsrednerin verbindet sie Wirtschaftserfahrung mit wissenschaftlichem Tiefgang und hat mit dem Begriff Alpha Intelligence® ein Konzept geprägt, das die entscheidenden Fähigkeiten moderner Führungskräfte auf den Punkt bringt.
Mit langjähriger Praxis in Führungspositionen und als Coach für Top-Entscheider begleitet sie seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen aller Größenordnungen auf dem Weg zu zeitgemäßer Führung – praxisnah, strategisch und wirksam. Die Erkenntnisse aus ihrer Arbeit flossen in mehrere Bücher zu den Themen Selbst-Führung, Networking und Leadership in der digitalen Welt ein.
Barbara Liebermeister ist Lehrbeauftragte an der RWTH Aachen, der Hochschule Kempten u.v.a. und zudem Mentorin an hessischen Universitäten. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert, einen Master in Neurowissenschaften sowie Ausbildungen als Business-, Management- und Sport-Mentalcoach absolviert.
Ausgezeichnete Arbeit: Für ihre Pionierarbeit wurde sie 2017 für den #digitalfemaleleader Award nominiert. 2018 wurde das von ihrem Institut entwickelte Analyse-Tool LEADT, das die digitale Führungsreife misst, mit dem renommierten Wolfgang-Heilmann-Preis auf der Learntec ausgezeichnet.



