Digitale Souveränität: Wer führt hier eigentlich – du oder die Technologie?
Digitale Souveränität klingt zuerst doch mal technisch oder nicht?! Dabei ist es mehr als man denkt eine ganz aktuelle Führungsfrage!
Gemeint ist damit die Fähigkeit von Organisationen und Führungskräften, digitale Technologien bewusst zu verstehen, zu steuern und strategisch einzusetzen – statt von ihnen abhängig zu werden. Die European Commission beschreibt digitale Souveränität als die selbstbestimmte Kontrolle über Daten, Technologien und digitale Infrastrukturen.
Einfacher ausgedrückt: Digitale Souveränität bedeutet, dass wir entscheiden – nicht der Algorithmus.
Warum das Thema so aktuell ist
Unternehmen arbeiten heute mit Cloud-Lösungen, KI-Systemen, globalen Plattformen und externen Dienstleistern. Das eröffnet enorme Möglichkeiten, schafft jedoch zugleich neue Abhängigkeiten. Wer nicht weiß, wo Daten liegen, wie Algorithmen entscheiden oder welche strategischen Bindungen entstehen, verliert seine Unabhängigkeit und gleichzeitig Gestaltungsspielraum.
Digitale Souveränität ist deshalb kein IT-Spezialthema. Sie ist eine Frage von Wettbewerbsfähigkeit, Verantwortung und Zukunftssicherheit.
Ist sie einfach plötzlich weg?
Fehlende digitale Souveränität kommt schleichend daher. Entscheidungen werden implizit von Anbietern vorgegeben. Systeme werden implementiert, weil sie „State of the Art“ sind, nicht weil sie strategisch besser passen. Häufig beobachtet: Internes Know-how verkümmert, während externe Abhängigkeiten wachsen.
Besonders im Umgang mit KI wird das sichtbar. Wenn Führungskräfte Algorithmen nicht mehr hinterfragen, sondern lediglich anwenden, verschiebt sich sukzessive Verantwortung. Also können wir zusammenfassen: Das eigentliche Risiko ist nicht unsere Technologie, sondern eher die unreflektierte Nutzung.
Wie digitale Souveränität entsteht
Digitale Souveränität bedeutet nicht, alles von heute an selbst zu entwickeln oder globale Anbieter zu meiden. Sie bedeutet allerdings, bewusst zu prüfen und zu entscheiden.
Dazu gehören vier Elemente:
Erstens: Verständnis aufbauen.
Führungskräfte müssen keine Entwickler sein. Aber sie sollten nachvollziehen können, wie KI-Systeme arbeiten, welche Daten genutzt werden und wo Risiken liegen. Ohne dieses Grundverständnis wird Delegation zur Blindleistung.
Zweitens: Transparenz schaffen.
Digitale Systeme dürfen keine Black Box bleiben. Klare Governance-Strukturen, definierte Verantwortlichkeiten und überprüfbare Prozesse sind kein bürokratischer Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Handlungsfähigkeit.
Drittens: Kompetenzen stärken.
Organisationen brauchen internes Wissen über Daten, KI, Ethik und kritisches Denken. Digitale Souveränität wächst dort, wo Menschen befähigt werden, Technologie nicht nur zu bedienen, sondern zu beurteilen.
Viertens: Abhängigkeiten bewusst managen.
Globale Kooperation bleibt wichtig. Doch strategische Alternativen, Exit-Optionen und Risikobewusstsein gehören in jede ernsthafte Digitalstrategie.
Die Leadership-Perspektive
Digitale Souveränität beginnt im Kopf der Führungskraft. Sie zeigt sich in der Haltung gegenüber Technologie. Wer nur effizienzgetrieben agiert, wird schneller abhängig.
Wer allerdings Verantwortung übernimmt und Haltung zeigt, stellt andere Fragen:
Welche Entscheidung darf eine KI vorbereiten – und welche nicht?
Wo bleibt der Mensch bewusst im Zentrum?
Wie sichern wir Urteilsfähigkeit in komplexen Systemen?
Digitale Souveränität ist somit Ausdruck reifer und professioneller Führung. Sie verbindet technologisches Verständnis mit Ambiguitätstoleranz, ethischer Klarheit und der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne vorschnell zu automatisieren.
Fünf Reflexionsfragen für Führungskräfte
Verstehe ich die zentralen digitalen Systeme meines Verantwortungsbereichs wirklich – oder verlasse ich mich auf Annahmen?
Wo sind wir als Organisation faktisch abhängig, ohne es offen zu benennen?
Welche Entscheidungen überlassen wir Algorithmen, obwohl sie strategische oder ethische Tragweite haben?
Fördern wir intern Kompetenzaufbau – oder kaufen wir Wissen ausschließlich extern ein?
Würde ich heute sagen, dass wir Technologie bewusst gestalten – oder dass wir auf Entwicklungen reagieren?
Digitale Souveränität ist kein Projekt, das abgeschlossen werden kann; wir sprechen von einem kontinuierlichen Reifungsprozess.
Grundsätzlich stellt euch nicht die Frage, wie digital euer Unternehmen ist, sondern wie bewusst und souverän es mit Digitalität umgeht.
Über die Autorin Barbara Liebermeister
Barbara Liebermeister ist Gründerin und Leiterin des IFIDZ – Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Als Managementberaterin, Coach und Vortragsrednerin verbindet sie Wirtschaftserfahrung mit wissenschaftlichem Tiefgang und hat mit dem Begriff Alpha Intelligence® ein Konzept geprägt, das die entscheidenden Fähigkeiten moderner Führungskräfte auf den Punkt bringt.
Mit langjähriger Praxis in Führungspositionen und als Coach für Top-Entscheider begleitet sie seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen aller Größenordnungen auf dem Weg zu zeitgemäßer Führung – praxisnah, strategisch und wirksam. Die Erkenntnisse aus ihrer Arbeit flossen in mehrere Bücher zu den Themen Selbst-Führung, Networking und Leadership in der digitalen Welt ein.
Barbara Liebermeister ist Lehrbeauftragte an der RWTH Aachen, der Hochschule Kempten u.v.a. und zudem Mentorin an hessischen Universitäten. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert, einen Master in Neurowissenschaften sowie Ausbildungen als Business-, Management- und Sport-Mentalcoach absolviert.
Ausgezeichnete Arbeit: Für ihre Pionierarbeit wurde sie 2017 für den #digitalfemaleleader Award nominiert. 2018 wurde das von ihrem Institut entwickelte Analyse-Tool LEADT, das die digitale Führungsreife misst, mit dem renommierten Wolfgang-Heilmann-Preis auf der Learntec ausgezeichnet.



