KI ist kein Tool-Thema – sie verändert unsere Führungskultur

KI ist kein Tool-Thema – sie verändert unsere Führungskultur
Zwei Tage lang habe ich in Stuttgart ein Seminar zum Thema Teamentwicklung und KI gehalten. Der Ort war eher pragmatisch gewählt – ein Hotel direkt am Flughafen. Die Runde dagegen war alles andere als gewöhnlich: zehn Führungskräfte aus ganz unterschiedlichen Branchen, aus verschiedenen Generationen und mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen im Umgang mit KI.
Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass sie alle eine ähnliche Frage beschäftigte. Nicht so sehr, welche Tools es inzwischen gibt oder welche Anwendungen besonders leistungsfähig sind. Sondern vielmehr: Was bedeutet diese Entwicklung eigentlich für unsere Arbeit, unsere Teams und letztlich für unsere Rolle als Führungskraft?
In vielen Organisationen beginnt die Auseinandersetzung mit KI im Moment sehr technisch. Man prüft Anwendungen, testet erste Tools, diskutiert Produktivitätsgewinne oder Effizienzsteigerungen. Das ist verständlich, denn Technologie wirkt zunächst einmal wie ein Instrument, das man einführen und nutzen kann.
Und doch zeigt sich in der Praxis immer wieder etwas anderes: KI ist definitiv kein Tool-Thema und gehört auch nicht alleinverantwortlich in die Hände von Technik-Experten und Expertinnen! KI ist vornehmlich ein Haltungsthema und der Kultur.
Zwischen Neugier und Unsicherheit
In Stuttgart wurde sehr offen diskutiert. Einige Führungskräfte waren neugierig und experimentierfreudig. Andere spürten deutlich den Druck: Wettbewerber setzen KI bereits ein, Prozesse verändern sich, Entscheidungen werden schneller.
Eine Teilnehmerin brachte es dann auf den Punkt: „Eigentlich wissen wir, dass wir uns intensiver damit beschäftigen müssen – aber im Alltag fehlt oft die Zeit.“
Führung, insbesondere in Change-Zeiten braucht Zeit. Und wenn KI nur als technisches Projekt betrachtet wird, passiert häufig Folgendes: Einige wenige beschäftigen sich intensiv damit – der Rest des Teams wird abgehängt. Wenn KI allerdings unser Arbeiten verändern soll, gehören ALLE dazu.
KI braucht Emotion
Dabei verändert sich die Situation erstaunlich schnell, sobald Menschen beginnen, selbst mit den Möglichkeiten zu experimentieren. Genau das konnten wir in Stuttgart beobachten. Als die Teilnehmenden anfingen, KI spielerisch auszuprobieren, Fragen zu stellen und kleine Ideen zu testen, veränderte sich die Atmosphäre im Raum umgehend! Aus vorsichtiger Distanz wurde Neugier, aus Zurückhaltung entwickelte sich eine lebendige Diskussion darüber, was in der eigenen Organisation möglich wäre und es wurde gelacht!
Solche Momente zeigen, wie stark Emotionen Veränderungsprozesse beeinflussen. Wenn Menschen positive Erfahrungen machen, verankert sich Neues deutlich nachhaltiger. Führungskräfte müssen vielmehr Räume schaffen, in denen Teams lernen, experimentieren und gemeinsam herausfinden können, wie sie diese Technologie sinnvoll nutzen.
Wer KI vernachlässigt, überlässt andern den Vorsprung
Ein weiterer Gedanke kam in Stuttgart immer wieder auf. Viele Führungskräfte spüren inzwischen sehr deutlich, dass KI nicht nur eine technologische Entwicklung ist, sondern auch ein Wettbewerbsfaktor. Organisationen, die früh beginnen, damit zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln, entwickeln oft schneller neue Ideen und Arbeitsweisen. Wer zu lange wartet, riskiert, dass andere schneller werden und neue Spielräume nutzen.
Für Führungskräfte bedeutet das allerdings nicht, sofort zum KI-Experten werden zu müssen. Viel wichtiger ist eine andere Haltung: Neugierig bleiben, offen über Veränderungen sprechen und das Thema Schritt für Schritt in den Arbeitsalltag integrieren. Kleine Experimente, gemeinsame Lernmomente und ein gewisser Humor im Umgang mit neuen Technologien helfen dabei oft mehr als große Strategiepapiere.
Nach diesen zwei Tagen in Stuttgart blieb für mich vor allem eine Erkenntnis hängen: KI verändert Organisationen – aber noch stärker verändert sie unsere Art zu führen. Die Rolle der Führungskräfte ist nicht mehr Antworten auf alles zu haben - viel wichtiger wird es, Orientierung zu geben, Räume für Lernen und Experimentieren, auch Befindlichkeiten zu schaffen und Menschen sicher durch eine Zeit zu begleiten, in der sich vieles gleichzeitig verändert. Führung wird damit weniger kontrollierend und erklärend – und stärker moderierend, verbindend und einladend.
Je früher Führungskräfte beginnen, ihre Teams auf diese Reise mitzunehmen und eine Kultur des Ausprobierens zu fördern, desto größer ist die Chance, dass aus technologischem Wandel Großes entsteht.
MENSCH FÜHRT, TECHNOLOGIE FOLGT.
About the author Barbara Liebermeister
Barbara Liebermeister is the founder and director of IFIDZ – Institute for Leadership Culture in the Digital Age. As a management consultant, coach, and speaker, she combines business experience with scientific depth and has coined the term Alpha Intelligence®, a concept that captures the essential skills of modern leaders.
With many years of experience in leadership positions and as a coach for top decision-makers, she has been supporting companies of all sizes on their way to contemporary leadership for over two decades – practical, strategic, and effective. Insights from her work have contributed to several books on the topics of self-leadership, networking, and leadership in the digital world.
Barbara Liebermeister is a lecturer at RWTH Aachen, Kempten University, and others, and also serves as a mentor at universities in Hesse. She studied business administration, holds a master's degree in neuroscience, and has completed training as a business, management, and sports mental coach.
Outstanding work: For her pioneering efforts, she was nominated for the #digitalfemaleleader Award in 2017. In 2018, the analysis tool LEADT developed by her institute, which measures digital leadership maturity, was awarded the prestigious Wolfgang Heilmann Prize at Learntec.


